• Olivia Grove

Rezension: "Erfrorene Seele" von Berit Sellmann



《《 R E Z E N S 1 O N 》》 ❄ "Erfrorene Seele" von Berit Sellmann ▪ |Der Name des Ortes war wie ein Anker. Er würde sich niemals ändern. Nicht so wie manche Wahrheiten.| Zitat

Einzigartig, mystisch & klug inszeniert


Es gibt mehr auf dieser Welt, als wir glauben.

Der Noir Mystery-Thriller »Erfrorene Seele« erzählt die Geschichte der 20-jährigen Wiebke, die sich auf Spurensuche nach ihrer vor Jahren verschwundenen Mutter begibt - und zwar zu einem abgelegenen Ort an Grönlands Ostküste, wo das Verwirrspiel beginnt.

Ein Ort, an dem die Sommer kurz und kalt sind, und die Winter lang, eiskalt, schneereich und windig. Im Verlauf des Jahres pendelt die Temperatur zwischen -10 °C und 10 °C. Kein Wunder, dass die dortige Bevölkerung von Depressionen und Suizid geplagt ist. Dieser Ort allein schon, an dem im Winter der Ozean gefriert, widerstrebt mir, als Kind des Sommers. Dennoch hat mich die Autorin Berit Sellmann verzaubert und das Arktiseis hat sich klammheimlich bis in mein Herz gepirscht.


Der Schreibstil ist nicht einfach. Er ist außergewöhnlich, literarisch und metaphernreich. Ich musste mich erst etwas rein finden, habe mich aber schnell daran gewöhnt und ihren Stil lieben gelernt.

Zu Beginn und im frühen Verlauf der Story hat mir persönlich ein wenig die Intensität gefehlt. Tatsächlich muss ich sagen, dass ich anfangs Probleme hatte, mit der Geschichte warm zu werden. Auch mit Wiebke konnte ich nicht sofort eine tiefe emotionale Verbindung aufbauen, aber in der weiteren Entwicklung der Geschichte hat das Sinn ergeben.


Besonders das Feeling und die Atmosphäre des einzigartigen Settings stechen hervor. Beides ist durchweg bitterkalt, auch auf Gefühlsebene. Dazu ist der Titel sehr passend. Doch trotz der rauen arktischen Landschaft, konnte ich die Kälte manchmal nicht spüren; bspw. den Schmerz, den ich mit der Kälte des Eiswassers assoziiere. Als Leser wusste ich nicht, worauf ich mich einlasse und was mich erwartet. Die Autorin baut die Geschichte langsam auf - in der Retrospektive gesehen, ist sie jedoch schlichtweg intelligent aufgebaut. Und genau das wirkt authentisch und glaubhaft.


Die vielen Fragezeichen und Rätsel haben die Spannung im Laufe der Handlung unglaublich stark angetrieben. Ich habe gerätselt und gerätselt, versucht, die einzelnen Puzzleteile vergeblich zusammenzusetzen. Berit spinnt äußerst vielschichtig und detailliert eine Geschichte mit unerwarteten Wendungen und komplexen Geheimnissen, die mich atemlos macht. Dabei bindet sie mit Leichtigkeit und absolut clever die Grönländische Sprache, die Kultur der Ureinwohner, die Inuit-Mythen und den ostgrönländischen Spiritismus mit ein.


Ich bin Berit verbunden und dankbar, dass sie Themenspektren anschneidet, die mich ebenso berühren und seit Jahren beschäftigen, die ich jedoch keinesfalls spoilern werde. Man muss sich auf diesen Noir-Thriller einlassen, um die ganze Tiefe des Romans erkennen und genießen zu können. Nicht jedem wird die Besonderheit bewusst werden, doch zwischen den Zeilen liegt ein tieferer Sinn verborgen. Denn es gibt mehr, als wir sehen können.

Wenn ich länger darüber nachdenke, glaube ich, dass es vielleicht so gewollt war, dass ich zu Beginn gefühlsmäßig keinen Zugang zu Wiebke hatte und sie selbst keine Gefühle zulässt. Sie ist geprägt vom jahrelangen Verlust der Mutterwärme.


Am Ende gipfeln die Geheimnisse aus den Tiefen des arktischen Ozeans in einem überraschenden Twist, der sich wie ein Eisberg offenbart. Der starke und intensive Schlussteil hat mich wirklich berührt und zum Auftauen gebracht. Aufgetaut, um mein Herz auf den letzten Seiten dann wieder zu zerbrechen, weil es so abgründig traurig ist - mit Tränen in den Augen und Gänsehaut-Effekt.


Dieser Noir Thriller ist viel mehr, als du glaubst.

Denn es gibt mehr auf dieser Welt, als wir glauben.