• Olivia Grove

Rezension: "Perlenbrauerei" von Jenny Hval

《 R E Z I 》


"Perlenbrauerei" von Jenny Hval

VÖ: 22. Februar 2022, März Verlag, Berlin

Aus dem Norwegischen von Rahel Schöppenthau und Anna Schiemangk

Erstveröffentlichung: 2009, Kolon Verlag, Oslo

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Ein surrealer Traum einer klebrigen Debütnovelle


"Ihr Seidenkleid klebt an ihrem Körper, der Wind kräuselt die Wimpern. Alles andere ist still, so lange, dass ich später vergessen werde, wie wir hierher gekommen sind, warum wir hier sind." (S. 165)

Die norwegische Austauschstudentin Jo (Djåoanna) ist für ihr Biologie-Studium in der fiktiven australischen Küstenstadt Aybourne gelandet. Ein WG-Zimmer findet sie nach langer Suche schlussendlich in einer umgebauten Brauerei, in der neben ihr nur Carall lebt. Dort beginnt in den Räumen, die nur durch Spanplatten voneinander abgetrennt und oben offen sind, ein Tanz zwischen Nähe und Distanz der beiden Frauen.

Zu Beginn musste ich mich erst einfühlen, denn es passiert tatsächlich sehr wenig. Einfach alles wird von der Aura der lyrisch-anmutenden Erzählung in einer schimmernden Symbiose mit Jos Geräuschempfindlichkeit getragen. Zeile um Zeile ist feinfühlig geschrieben, mit schönen Beschreibungen, dennoch hat es mich anfangs noch nicht berührt. Doch wenn ich gerade nicht darin gelesen habe, hatte ich das Gefühl, von den Seiten heimgesucht zu werden.

Ein berauschend, hypersinnlich-poetischer Fiebertraum des sexuellen Erwachens? Nicht wirklich. Beim Lesen habe ich mich nie so gefühlt, dass ich von einer Poesie entzückt war. Auch Hvals sinnliche Sprachbilder haben mich nicht überschwänglich begeistert, da sie nicht effektiv kreiert wurden.

Eine feuchte Fantasie? Ja, es ist intim, aber keinesfalls erotisch. Eher klebrig, feucht, grostek. Für mein Empfinden gibt es in diesem Werk auch keinen subtil angedeuteten Horror. Die Story wird eher von einer bizarren Atmosphäre umhüllt, die den Leser – unvorhersehbar aus dem Hinterhalt – auf ihrer dezent surreal-psychedelischen Reise mitreißen wird. Denn, zuerst langsam und dann ganz plötzlich, überzieht eine dünne Moosschicht die Böden der alten Brauerei und verwandelt sie in ein schleimiges Wunderland psychosexueller Sinneseindrücke.

"Perlenbrauerei" ist definitiv ein Buch wie kein anderes. Die norwegische Künstlerin Jenny Hval präsentiert der Leserschaft einen feinsinnigen, queeren Coming-of-Age-Roman – ein unterschwellig gespenstisches, düster-poetisches Kunstwerk mit einem unfassbar starken Ende, das mich klammheimlich verschlungen hat.

⭐⭐⭐⭐

• • • кℓαρρєηтєχт:


//Jo ist als Austauschstudentin in einem seltsamen neuen Land. Sie verläuft sich, findet keine Wohnung und erst recht keinen Anschluss. All ihre Probleme scheinen gelöst, als Carral sie bei sich aufnimmt. In einem alten Brauereigebäude ohne Wände, das sie sich fortan mit der immer grenzenloser werdenden Frau teilt, werden Jos Sensibilität und all ihre Sinne auf eine harte Probe gestellt. Je näher die beiden sich kommen, desto weniger kann Jo zwischen ihrem und Carrals Körper unterscheiden, beide erscheinen ihr wie ein zusammenhängendes Geflecht, wie Pflanzen. Auch ihre Träume und ihr waches Erleben verschwimmen, bis sie glaubt, sich selbst in der Fremden verloren zu haben. Die norwegische Musikerin und Schriftstellerin Jenny Hval schafft in ihrer Prosa das, wofür auch ihre Musik gefeiert wird: Ein so tiefer wie kompromissloser Blick auf Politik und Sexualität, Begehren und Körper.//