• Olivia Grove

Rezension: "Ultraviolett" von Flurin Jecker



《 R E Z I 》

"Ultraviolett" von Flurin Jecker

Tiefgründig berührender Einblick in die Generation Techno


"Ultraviolett" hat mich ab den ersten Seiten regelrecht in einen Leserausch versetzt.

Es ist ein Buch über Freundschaft, Schmerz, Liebe, Selbstfindung, Verlust, Ängste, Technokultur und über all jene Dinge, die uns junge Erwachsene ausmachen - abgrundtief ehrlich und realistisch.

Der Autor präsentiert uns interessante Portraits von außergewöhnlichen Menschen, deren Leben keineswegs glatt und einfach sind, sondern geprägt von Einschnitten, Abstürzen und Ereignissen.

Allen voran Held, den Hauptprotagonisten, der schon jahrelang durch Berlins Technoclubnächte tanzt, um so einiges in seinem Leben zu verdrängen. Man spürt, wie haltlos er ist und mit sich und der Welt ringt. Er stürzt sich hinein ins Nachtleben und geht darin fast verloren, bis er Mira kennenlernt. Doch der berauschende Nebel und die Geister, die ihn heimsuchen, sind längst nicht verschwunden. Das perfekte Leben für ihn scheint wie eine nie endende Party, auf der er einfach nicht aufhören will, zu tanzen.


Im Laufe der Handlung konnte ich wunderschön beschriebene introspektive Einsichten in die bedrückende Seelenlandschaft von Held gewinnen, die mich sehr berührt haben. Auf manchen Seiten ging zwar ein wenig der Esprit verloren, dennoch hat Flurin Jecker eine hervorragende Mixtur aus Sprache, Figuren, Pointe und Popkultur-Atmosphäre geschaffen, die absolut lesenswert ist.


⭐⭐⭐⭐ ▪ ▪ ▪ кℓαρρєηтєχт:

//Jemand bringt dich aus dem Takt – aber hörst du deshalb auf zu tanzen? Mit wummernden Bässen im Bauch auf der Suche nach einem Zuhause in sich selbst Bass vibriert von den Fußsohlen und Ohren bis ins Innerste, tief hinein, da, wo das warme Gefühl wohnt. Gesichter, Arme, Haare kommen näher, entfernen sich wieder. Schweiß, Nebelmaschinengeruch, Prickeln auf der Zunge. Farben in der Luft, Hitze, Gänsehaut. – Jahre schon tanzt Held sich in den Clubs durch Nächte und Tage. Doch seit sich Kumpel Eule aus dem Staub gemacht hat, bekommt die Großstadt-Verheißung Schrammen. Der Eule, der ihn nach seiner Ankunft in Berlin Held taufte. Und der jetzt in Lappland beim Weihnachtsmann lebt, wie er das in seinem Abschiedsbrief nannte. Dann taucht Mira zwischen den tanzenden Körpern auf. Ihr Rhythmus ist neu, anders. Und bringt Held aus dem Takt. „Man hat nur Angst, den gewohnten Scheiß zu verlassen und herauszufinden, wie scheiße er wirklich ist.“ Mit Mira sind die Geister von früher zurückgekommen. Das Kaff seiner Kindheit. Die Nichtbeziehung zum Vater. Die Mutter, die Lebenshungrige, die am Ende doch in der kleinen Welt verhaftet blieb. An seinen Schultern die Hände, die ihn in Richtung Abzweigung schieben wollen. Schließlich muss der Spaß auch mal ein Ende haben. Oder? Mira, die Held herausfordert, die einen Plan hat. Dazwischen er, der nicht aufhören will zu tanzen und seinen alten Namen nur ungern ausspricht. In ihm die Angst davor, den Lebensweg von jemand anderem zu gehen und sich selbst zu verlieren. Wie findet man das für sich richtige Maß an Unabhängigkeit und Freiheit, ohne Familie und Liebe auszuschließen? Ein berauschender Roman über die Symbiose von Nähe und Unabhängigkeit. Wir alle wachsen und verändern uns. Wir nehmen Raum ein und platzen in den der anderen. Mit unseren Vorstellungen vom richtigen Leben überlappen wir uns – oder schaffen Gräben. – In „Ultraviolett“ wird getanzt, gesehnt, in offene Arme gerannt, sich ihnen wieder entzogen. Im Flackern des Stroboskops bewegen wir uns an der Seite von Held zwischen Angst- und Glücksgefühlen, Abschied und Versöhnung, Stadt und Land. Flurin Jeckers Roman ist ein Abgesang auf die alte Erzählung vom Erwachsenwerden als Sprung von der einen in die andere Welt. Und ein Aufruf, dem Ernst des Lebens zwischendurch ruhig mal die Tür vor der Nase zuzuschlagen. „Es gibt einen Punkt, an dem Hirngespinste zu Geisterbeschwörungen werden. Und es gibt einen Punkt, an dem sich Panik in Musik verwandelt. Durch eine bestimmte Feinsinnigkeit lassen sich diese beiden Punkte überlagern. Dort beginnt es zu glühen, dort gibt es Sonnenuntergänge, Abschiede und Euphorie. Von diesem Glühen erzählt Flurin Jecker.“ Joshua Groß Triggerwarnung: Triggerwarnungen nehmen auf Menschen mit traumatischen Erfahrungen Rücksicht. Aus subjektiver Sicht können diese Trigger von Bedeutung sein oder nicht, unabhängig davon, in welchem Kontext oder Medium sie sich finden. Auch fiktive Texte, wie zum Beispiel Romane, können triggern. Wir weisen deshalb an dieser Stelle auf Trigger im vorliegenden Buch hin: „Ultraviolett“ konfrontiert dich mit Suizid.//