• Olivia Grove

Rezension: "Unterwasserflimmern" von Katharina Schaller



《《 R E Z E N S 1 O N 》》


"Unterwasserflimmern" von Katharina Schaller

VÖ: 02. März 2021

|Und dann wieder die Frage. Er stellt sie jedes Mal. Als würden wir füreinander verpuffen, würde er sie nicht aussprechen. Leo braucht die Vergewisserung. Er will, dass ich mich nach jedem Mal für das nächste Mal entscheide.| Zitat

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Einzigartig, intensiv & aufwühlend

Ein Romandebüt "in einer Sprache, die unsere Poren öffnet, schreibt Katharina Schaller über das, was zwischen uns liegt."

Die Autorin schreibt über eine junge Frau, Anfang 30, auf der Flucht vor zu viel Nähe und Enge zwischenmenschlicher Beziehungen. Sie möchte aus ihrem Leben ausbrechen, raus aus den gesellschaftlichen Normen, auf der Suche nach sich selbst. Dabei bricht sie Grenzen auf und rüttelt an moralischen Erwartungen unserer tiefsten gesellschaftlichen Prägungen, um frei zu sein. Die Themen dieses Werkes werden noch immer größtenteils tabuisiert, obwohl sie im Leben vieler Menschen alltäglich sind.


Ich liebe die Direktheit ihrer Sprache, ihren trivial lässigen aber zugleich schwermütigen und vor allem sinnlichen Schreibstil. Darauf muss man sich einlassen, ebenso auf die Reise der namenlosen Protagonistin - darin Versinken, wie das bemerkenswerte Cover so wunderschön darstellt.

Als ich angefangen habe zu lesen, war es, als ob Katharina aus meinem Leben heraus schreibt, gar aus meiner Seele. Als ob ich jedes Gefühl tief in mir spüre, das sie so locker und cool in Worte packt. Es ist ein Gefühl der Sehnsucht, ein Gefühl aus der eigenen Vergangenheit. Das war unglaublich intensiv.


"Unterwasserflimmern" fühlt sich an wie losfahren und nie ankommen. Wie eine endlos scheinende Reise zu sich selbst. Man könnte meinen, in der Geschichte passiert so wenig, aber es passiert doch so viel. Einen Stern Abzug gibt es dennoch, weil es nach dem interessanten Start eine für mich empfundene Länge im Text gibt, die aber die unvorhergesehenen Ereignisse später wieder gekonnt überspielen. Spannendes Potential hätte ich auch in den Hintergründen bzw. der Vergangenheit der Protagonistin gesehen, sowohl seelisch als auch familiär. Dies würde dem Roman noch mehr Tiefe verleihen.


Die Handlung der Geschichte wird nicht jeden ansprechen, alles ist reine Geschmackssache. Dafür ist der Roman für mich etwas sehr Besonderes, denn die Autorin hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt ehrliche, unverzerrte Bilder der Realität.


⭐⭐⭐⭐

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кℓαρρєηтєχт:

//Ein Mensch für jedes Stückchen Ich: Wie sich spüren, wen lieben, an wessen Schulter den Kopf legen? "Ich habe uns ein Stück Land gekauft", sagt ihr Freund, "ich baue uns ein Haus." An jeder Kreuzung ein Ja, ein Nein oder ein Vielleicht später. Jede Entscheidung ein Wegzoll, um weitermachen zu können oder Zeit zu gewinnen. Um der Mensch zu werden, der man selbst sein möchte. Die eigene, für sich richtige Lebensform zu entdecken. Um sich mit den anderen vielleicht an einem Punkt wiederzufinden, an dem sich die gemeinsamen Wünsche treffen. – Und nun steht sie in diesem Raum, vor ihrem Freund und einer Wand aus Zukunft. Gelegt aus Steinen, die schon alles vorzeichnen: Da sind sie, nur noch sie beide. Nur noch Emil, der für sie alles sein muss. Und sie, die alles für ihn sein muss. Was, wenn sie das nicht will? Nicht heute, möglicherweise auch nicht morgen? Weil ein Mensch allein für den anderen vielleicht gar nicht genug sein kann? Ein Romandebüt, das Lesen in Spüren verwandelt. In einer Sprache, die unsere Poren öffnet, schreibt Katharina Schaller über das, was zwischen uns liegt: Über das Salz auf unserer Haut, wenn wir uns ganz nahe sind. Die Kälte im Blick einer Person, die uns fremd geworden ist. Über Freundschaft und Familie, unverhoffte Beziehungen und Liebe, Vertrauen und Begehren. Und über eine Ebene der Kommunikation, die mehr sagt, als Worte es können: Was passiert, wenn wir durch unsere Körper mit anderen in Dialog treten? Welche Grenzen stecken wir mit ihnen ab? Welche Nähe wird durch sie fühlbar? Wenn wir uns halten, wenn wir miteinander schlafen, wenn wir uns guttun, wenn wir uns wehtun, wenn nichts zwischen uns Platz zu haben scheint – oder gleich ein ganzer Ozean.//