• Olivia Grove

Rezension: "Vom Erzählen: Poesie des Alltags" von Hermann Bausinger

《 R E Z I 》

"Vom Erzählen: Poesie des Alltags" von Hermann Bausinger

VÖ: 15. Februar 2022, Hirzel Verlag Stuttgart

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Geistig anregendes Sachbuch mit viel Esprit


Der 2021 verstorbene Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger widmete der Erzählkunst sein letztes Buch. Auf den 208 Seiten nimmt er uns mit in die Welt des Erzählens, der Märchen, Übertreibungen, Stilebenen und des Witzes. Dabei analysiert er nicht nur Gespräche über den Gartenzaun oder auf einer Sommer-Gartenparty, sondern widmet sich auch dem Sinn sinnloser Geschichten, "Wiederholungsorgien" der Fernsehsender, aber auch Fragen, wie sich Gerüchte entwickeln und wie Menschen einander Dinge erzählen. Zu nebensächlich? Nicht, wenn Bausinger Philosophie und Wissenschaft mithilfe vieler Beispiele so facettenreich und unterhaltsam verwebt.


Im Kapitel zur Erzähltheorie des Sprachwissenschaftlers Philipp Perlmann zitiert der Autor: "Man eigne sich die eigene Vergangenheit an, indem man daraus einen Sinn mache. Das Verstehen, das durch das erzählende Erinnern erreicht werde, (...) bringe das entscheidende Gefühl der Zugehörigkeit zu einem selbst hervor." Daraus schlussfolgernd sei das eigene Selbst, ein sich dauernd erweiterndes Gespinst von Geschichten – "wie ein Gebilde aus Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt, nur ohne Materie". (S. 42)


Der Erzählforscher zeigt auch am Beispiel von provokanten Witzen auf, die nach der Challenger-Katastrophe – die sieben Astronauten den Tod brachte –, dass genau die Aspekte zur Sprache kommen, die in den "bombastischen Medienberichten kaum auftauchten, obwohl es die eigentliche Tragödie ausmacht". (S. 132)

"Where are the astronauts spending their vacation? – All over Florida."

Die aufgeführten Witze verletzen Tabus, dennoch bewegen sie die Menschen und brechen den Schockzustand hilflosen Schweigens.


"Vom Erzählen: Poesie des Alltags" ist eine charmante, kurzweilige und anregende Lektüre mit feinen Akzentuierungen, für die ich eine absolute Leseempfehlung ausspreche. Abschließen möchte ich meine Rezension mit dem im Buch erwähnten Epigramm "Dilettant" von Friedrich Schiller, das sich gegen Selbstüberschätzung dilettierender Poeten richtet:

"Weil ein Vers dir gelingt in einer gebildeten Sprache, die für dich dichtet und denkt, glaubst du schon Dichter zu sein?" (S. 161)

⭐⭐⭐⭐⭐

• • • кℓαρρєηтєχт:


//Erzählen ist eine Kunst, die allen Menschen geschenkt ist. Erzählen fängt für Hermann Bausinger schon beim gemeinsamen Warten auf den Bus an: Dem Schimpfen darauf, dass er schon wieder zu spät kommt und den sich daraus ergebenden Geschichten von Bus-Erlebnissen aller Art. Wie gut, dass der bekannte Kulturwissenschaftler selbst ein begnadeter Erzähler ist. Denn in seinem Buch geht es höchst lebendig und anschaulich um die vielfältigen Spielarten des Erzählens. Er nimmt uns u. a. mit in die reiche Erzählwelt von Märchen und Fabeln, umkreist den Witz der Sprache, beschäftigt sich mit Erzähltheorie und der besonderen Bedeutung des Erzählens im Online-Zeitalter. Vielschichtig und mit wunderbaren Beispielen angefüllt, lässt Bausinger das Erzählen und die Erzählungen leuchten. Denn für ihn ist das Erzählen, unser Umgang mit der Sprache, das, was uns zum Menschen macht.//


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