• Olivia Grove

Rezension: "Von hier betrachtet sieht das scheiße aus" von Max Osswald

《 R E Z I 》

"Von hier betrachtet sieht das scheiße aus" von Max Osswald

VÖ: 18. Mai 2022, dtv Verlagsgesellschaft, München

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Scharfsinnig, humorvoll & brillant ehrlich, dass es fast wehtut – ein dynamisches Debüt!


Meine Rezension wollte ich eigentlich damit beginnen, dass dieses eines der Bücher ist, die mich wirklich begeistert und überrascht haben. Das erste Drittel hat mich jedenfalls tief beeindruckt und wirklich berührt. Dann wurde meine Begeisterung immer wieder auf die Probe gestellt. Dennoch glänzt auch der Rest der Geschichte mit so vielen cleveren, bitterbösen Wahrheiten, manchmal auch bittersüßen, in denen man sich selbst wiedererkennt; wie bspw.:


"Mein ganzes Leben ist eine einzige To-do-Liste. Schon immer gewesen. [...] ein Hetzen von einem zum nächsten [...]" (S. 40)

Immer wieder sind die Geschehnisse von Max' scharfzüngigem Humor durchdrungen. Das gibt dem Ganzen den brisanten Realismus, wie ich finde. Der Autor selbst ist ein Comedian aus München, dort spielt auch die Story. Was mir als Leserin wirklich gefallen hat, war die inhaltliche Tiefe von Bens Gedankengängen und seinen Emotionen, auch retrospektiv.


"Aufstehen, arbeiten, Sorgen machen, sterben." (S. 16)

Der 29-jährige Protagonist Ben bezeichnet sich selbst als "stromlinienförmig, so austauschbar und generisch, dass ich mich im Schwarm selbst nicht erkenne. [...] ein perfektes Chamäleon, das nach jahrelangem Anpassen vergessen hat, wie die eigene Farbe aussieht." (S. 85)

Er schläft zu wenig, raucht zu viel und hat mittlerweile Blut in seiner Koffeinbahn.


"Ich beginne den Arbeitstag mit dem Ziel, ihn zu beenden. Als hätte sich seit der Schule nichts verändert. [...] Irgendwann ist Mittagessen, irgendwann ist Kaffeepause, irgendwann ist Feierabend." (S. 26)

Er hat genug vom Leben und engagiert einen Auftragskiller aus dem Darknet – eine absolut spannende Grundidee!


Für mein Empfinden wurden jedoch viele aktuell gesellschaftlich trendige Themen ins Buch gepresst und somit geradezu "abgegrast", das hat man gespürt. Es wurde zwar alles gut miteinander verknüpft, dennoch war es für mich too much, offensichtlich konstruiert und klischeebehaftet.


Insgesamt ist "Von hier betrachtet sieht das scheiße aus" für mich ein besonderes und schönes Lesevergnügen. Allerdings ist der letzte Funke leider nicht übergesprungen.


⭐⭐⭐,7 = ⭐⭐⭐⭐


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кℓαρρєηтєχт:

//Ben Schneider ist erst 29, hat aber schon genug vom Leben im Hamsterrad: aufstehen, arbeiten, Sorgen machen, sterben. Seinen Job bei einer Wirtschaftsprüfungskanzlei hasst er mindestens so sehr wie seinen Vorgesetzten. Der Kontakt zu seiner Familie ist größtenteils abgerissen, für die Liebe oder Freunde hat er schon lange keine Zeit mehr. Wenn ihm das Leben also nichts mehr zu bieten hat, findet Ben, könnte er doch zumindest über einen coolen Abgang nachdenken. Einfallsreich und überraschend sollte der sein. Sein Dealer Tobi hat die perfekte Lösung: Er kann ihm im Darknet einen Auftragskiller besorgen. Ben ist einverstanden, will aber noch 50 Tage Zeit haben bis zum großen Finale. Doch diese 50 Tage ändern alles …//